Schwangerschaftsgedanken I – “Das minimalistische Glück”

Momentan habe ich sehr viel Zeit. Dafür weniger Mobilität.

Ich ertappe mich dabei, mir die scheinbar perfekten, materialistischen Leben von den Menschen anzusehen, die so erfolgreich auf den Social-Media-Plattformen sind und realisiere, wie sehr es mich schon jetzt beeinflusst hat.
Ständig erwische ich mich dabei, wie ich darüber nachdenke, was ich mir — bzw. was wir uns — als nächstes anschaffen könnten. Neues für unsere Wohnung, neues modischeres zum Anziehen, Anschaffungen für unsere kleine Tochter, die noch nicht einmal geboren ist. All diese Menschen sehen so glücklich aus mit all ihren besonderen Erlebnissen und mit all den Dingen, die sie besitzen.
Ich beurteile sie als glückliche Menschen, weil ich ein Bild gesehen habe. Ein eingefangener Moment, der bewusst mit der ganzen Welt geteilt worden ist — ob er nun der Wahrheit oder einer gestellten Illusionen entspricht, ändert nichts an den Gefühlen, die dieser Moment in mir auslöst.
Ich vergleiche mich. Meinen Körper, mein Gesicht, meine Haare, meine Kleidung — im Allgemeinen meine Äußerlichkeit, meine Ästhetik — mit dem was diese Menschen mit mir teilen. Ich vergleiche aber nicht nur meine Oberfläche, sondern auch mein Inneres.
Sehe ich auch so glücklich aus? Beziehungsweise bin ich so glücklich? Tiefes, schmerzvolles Fernweh wird geweckt, weil ich es als „normal“ empfinde, dass man mit 23 schon die halbe Welt gesehen haben muss. Aber wer kann mir das verübeln? Es wird uns doch nicht anders vermittelt —  all diese erfolgreichen, schönen Menschen sind standardisiert worden. Sie sind das Ziel und erfahren die Ebene des Glückes, auf das alle hinarbeiten.
Langsam spüre ich, wie eine Unzufriedenheit in mit aufsteigt. Veränderungen wollen endlich durchgeführt werden. Neue materielle Dinge sollen mich auf dem Weg zum Glück unterstützen.
Ich denke also zuerst an unsere jetzige Wohnung. An unsere Einrichtung. Gleichzeitig denke ich darüber nach, dass unsere Wohnung viel zu klein ist — 63qm für zwei Personen und bald noch ein Baby — etwas neues, größeres muss her. Außerdem brauchen wir noch einen neuen Teppich, vielleicht einen neuen Küchentisch. Dekoration und Bilder — davon benötigen wir noch sehr viel. Über die Bilderauswahl bin ich mit noch unschlüssig, aber sie fehlen schlicht und ergreifend an der Wand. Darüber hinaus eine Kommode —  wir wollen die alte doch loswerden. Wenn man es so nimmt, dann brauchen wir ebenfalls ein neues Sideboard für all die anderen Kleinigkeiten.
Wir wissen einfach nicht wohin mit all den Dingen, die schon längst in Vergessenheit geraten sind. Eine neue Lampe wäre schön — vielleicht auch zwei. Ein Schreibtisch, an dem ich wirklich endlich in Ruhe arbeiten kann. Ein neuer Nachttisch würde mich auch sehr erfreuen. Das ist wirklich genau das was uns noch fehlt. Man würde ihn zwar nicht sehen, weil er hinter unserem Kinderbett steht, aber das spielt ja keine Rolle. Irgendwann ziehen wir ja in eine viel größere, neuere und schönere Wohnung. Aber bitte in der Stadt. Wieder mittendrin. Wieder an einen Ort, an dem Konsum und Besitz eine so große Rolle spielt. Eine Stadt, in der Ruhe und Stille langsam aber sicher zum Fremdwort wird.
Eine Unzufriedenheit steigt in mit auf — aber würde sie wirklich verschwinden, wenn ich alles kaufen, verändern und austauschen würde, was ich oben so schön aufgelistet habe?
Ich bin mir sicher, dass sie nicht verschwinden würde. Denn das was ich tief im Inneren brauche, ist sehr wenig. Ich brauche meinen Partner, meine bald geborene Tochter, meine Familie, meine wenigen Freunde.
Ich brauche Liebe, Zärtlichkeit, Geborgenheit, Aufmerksamkeit, schöne sinnvolle Kommunikation, zwischenmenschlicher Spaß— und darüber hinaus meine Kreativität und eine Aufgabe, an der ich wachsen kann.
Wenn man es genau nimmt, sind das was ich tief im Inneren brauche nichts was ich mit Geld kaufen kann. Nicht ein materialistisches Gut.
Das wertvollste was uns gegeben wurde, ist Zeit. Zeit und Liebe.
Wenn wir jedoch weiterhin dem Konsum hinterher jagen, uns über Besitz und Status identifizieren, nehmen wir uns selbst diese zwei elementarsten Dinge selbst weg. Denn wir müssen arbeiten, weiter arbeiten und noch mehr arbeiten, um den Reichtum — das Maß an Geld zu verdienen, um uns alles leisten zu können, was wir im Endeffekt doch nicht brauchen und was uns letztendlich nicht das ersehnte Glück bringen wird, welches wir uns dadurch erhoffen.
Aber wir haben nur dieses eine Leben. Darüber sollten wir uns jeden Tag aufs Neue bewusst werden und bewerten, wie, wo, mit was und mit wem wir dieses eine Leben verbringen wollen.

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